YouTube stellt für Werbetreibende aufgrund seiner enormen Reichweite, hohen Verweildauer und präzisen Targeting-Optionen einen unverzichtbaren Kanal im Media-Mix dar. Die Kehrseite der automatisierten Ausspielung über Google Ads ist jedoch der potenzielle Kontrollverlust über das exakte Werbeumfeld. Während offensichtlich rechtswidrige Inhalte (Gewalt, Terrorismus, explizite Darstellungen) von den Plattform-Algorithmen effizient gefiltert werden, hat sich eine signifikante Herausforderung in einem Bereich etabliert, der als monetarisierte Grauzone bezeichnet werden kann. Welche Lösungen gibt es dafür?

Aktuelle Medienberichte zeigen, dass die Umsetzung der Brand Safety in der Praxis nicht einfach ist: Die taz veröffentlichte im Juni 2025 unter dem Titel „Werbung auf rechten Youtube-Kanälen: Haribo macht Kinder froh – und rechte Influencer ebenso“ einige Beispiele für ein weitaus größeres Problem. Werbespots renommierter Marken (bspw. Haribo, FreeNow und die Investitionsbank Berlin) wurden vor Videos von Kanälen wie Vermietertagebuch oder Ketzer der Neuzeit ausgespielt.

Diese Kanäle sind das Symptom einer insgesamt zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung, die immer größere Teile der Gesellschaft erreicht.

Die Problematik dieser Kanäle liegt in ihrer Hybridstellung:

  1. YouTube-Konformität: Sie bewegen sich oft im Grenzbereich des Zulässigen, verstoßen aber nicht permanent gegen die Community-Richtlinien von YouTube. Dies führt dazu, dass sie weiterhin Teil des YouTube-Partnerprogramms sind und somit für die Monetarisierung durch Google Ads freigeschaltet bleiben.
  2. Brand-Suitability-Risiko: Inhaltlich bedienen diese Kanäle jedoch häufig populistische Narrative, verbreiten Desinformation (z.B. im Kontext des Klimawandels oder gesellschaftlicher Diversität) oder nutzen eine polarisierende Rhetorik, die im Widerspruch zu den ethischen Grundsätzen (Diversity- & Compliance-Richtlinien) der meisten werbetreibenden Unternehmen steht.

Für Marken entsteht hier ein erhebliches Reputationsrisiko, da die automatisierte Platzierung von Konsumenten als aktive finanzielle Unterstützung dieser Akteure interpretiert werden kann.

Die Dimension der Grauzone: 1,1 Milliarden Aufrufe auf 450 identifizierten polarisierenden Kanälen im Quartal

Dieses Phänomen ist keine Nische. Als YouTube-Agentur hat Klein aber wie keine andere Agentur im DACH-Raum in den letzten 5 Jahren in die Erforschung von YouTube als Plattform investiert. Mit der Software CLUSTR spezialisierte Klein aber sich auf die automatische quantitative und qualitative Inhaltsanalyse und wertete Millionen YouTube-Videos aus.

Darauf aufbauend werden Kanäle untersucht, die entsprechende Inhalte veröffentlichen. Aktuell wurden ca. 450 hochfrequentierte Kanäle identifiziert, die aufgrund ihrer Argumentationsstruktur (von populistisch bis extremistisch) als kritisches Umfeld für Markenwerbung klassifiziert werden. Die Relevanz dieses Segments wird durch die Abrufzahlen deutlich: Allein im dritten Quartal 2025 generierten diese als problematisch eingestuften Kanäle kumuliert über 1,1 Milliarden Videoaufrufe.

Ohne spezifische Ausschlussmechanismen kaufen Werbetreibende, die auf Reichweitenoptimierung setzen, statistisch unvermeidbar einen Anteil dieser Impressionen ein.

Google Ads Settings für mehr Brand Safety

Google Ads bietet diverse Instrumente zur Sicherstellung der Brand Safety. Diese sind effektiv bei der Filterung grober Kategorien, stoßen jedoch bei der Erkennung nuancierter politischer Rhetorik an ihre Grenzen.

  1. Digitale Inhaltslabels (Content Labels)

    • Funktion: Ausschluss von Inhalten basierend auf Altersfreigaben oder groben Kategorien wie „Vulgäre Sprache“ oder „Sexuell anzüglich“.
    • Limitation: Populistische oder extremistische Inhalte, die in sachlichem Tonfall und ohne explizite Schimpfwörter vorgetragen werden, werden von diesen Labels nicht erfasst.
  2. Themen-Ausschlüsse (Topic Exclusions)

    • Funktion: Ausschluss breiter Themenkategorien wie „Politik“.
    • Limitation: Ein pauschaler Ausschluss des Themas „Politik“ führt auch zum Verlust hochwertiger, journalistisch seriöser Umfelder und kann den CPV unnötig negativ beeinflussen.
  3. Negative Keywords

    • Funktion: Verhinderung der Ausspielung bei bestimmten Begriffen in Videotiteln oder Beschreibungen.
    • Limitation: Populistische Rhetorik nutzt häufig „Dog Whistles“ – harmlose Alltagsbegriffe, die in bestimmten Kontexten eine codierte, radikale Bedeutung haben. Ein Ausschluss dieser Begriffe würde zu massiven Overblocking-Effekten bei unproblematischen Inhalten führen. Zudem ist eine erschöpfende Definition kaum möglich.
  4. Manuelle Platzierungsausschlüsse (Blacklists)

    • Funktion: Das händische Hinzufügen spezifischer Kanäle zu einer Ausschlussliste im Google-Ads-Konto.
    • Limitation: Es gibt keine Möglichkeit zur einfachen initialen Identifikation der entsprechenden Kanäle über einzelne Beispiele hinaus. Angesichts der Volatilität der Plattform (ständiges Entstehen neuer Kanäle, wechselnde Tonalitäten) ist eine manuelle Pflege zudem ressourcentechnisch kaum leistbar und führt zu schnell veralteten Listen.

Zwischenfazit: Die Algorithmen von Google sind darauf optimiert, Verstöße gegen Plattformrichtlinien zu erkennen. Sie sind nicht darauf ausgelegt, Argumentationsmuster zu analysieren oder eine Abwägung zur „Brand Suitability“ im Kontext spezifischer Unternehmenswerte vorzunehmen. Zudem zeichnet sich seit einigen Jahren ab, dass Plattformbetreiber zurückhaltender in politische Kontexte eingreifen – auch bei Themen, die gemeinhin als problematisch gelten. Dadurch wird die Verantwortung mehr auf Nutzer und in diesem Falle Werbetreibende übertragen, was durchaus auch Vorteile hat. Glücklicherweise bietet Google Ads hervorragende Werkzeuge an, um dieser Verantwortung gerecht zu werden. Jedoch ist die Komplexität in der Umsetzung hoch.

Lösungsansatz: Strukturierte Analyse und dynamische Integration

Um die Diskrepanz zwischen verfügbaren Google-Filtern und den Anforderungen an moderne Corporate Compliance zu schließen, ist ein externer Layer zur Kontext-Analyse notwendig. Ein solcher Lösungsansatz basiert auf der Trennung von politischer Meinung und argumentativer Struktur. Ziel ist nicht alleine die Bewertung politischer Positionen, sondern die Identifikation von Mustern, die für Marken riskant sind.

Methodik der Klassifizierung: Unsere Datenbank erfasst Kanäle im DACH-Raum und bewertet diese anhand einer Matrix:

  • Politisches Spektrum: Abdeckung der Ränder von Linksaußen bis Rechtsaußen.
  • Argumentationsstruktur: Differenzierung von demokratisch-diskursiv bis hin zu populistisch, manipulativ oder extremistisch.

Technische Umsetzung via API: Um dem Problem statischer Listen zu begegnen, wird die Datenbank als dynamischer Service bereitgestellt. Die Integration erfolgt über ein Google Ads Script, das über eine Schnittstelle (API) auf die aktuellste Version der Ausschlussliste zugreift.

Dies ermöglicht einen „Always-On“-Schutz: Neue Kanäle, die aufgrund ihrer Tonalität oder Argumentation als Risiko klassifiziert werden, werden zeitnah und ohne manuellen Eingriff in den verbundenen Werbekonten ausgeschlossen. Dies stellt sicher, dass Media-Budgets nicht in volatile, problematische Aufsteiger-Kanäle fließen.

Mehr Sicherheit für Marken durch automatisierte Exclusion Listen

Brand Safety auf Plattformen wie YouTube ist kein statischer Zustand, sondern ein fortlaufender Prozess des Risikomanagements. Die Standard-Tools von Google Ads bieten eine solide Basisabsicherung, weisen jedoch im Bereich politisch-populistischer Grauzonen Lücken auf, wie Recherchen der taz und unsere Datenanalysen belegen.

Für Unternehmen, denen der Schutz der eigenen Reputation und die Einhaltung von Compliance-Richtlinien wichtig ist, stellt die Implementierung einer spezialisierten, dynamischen Ausschlussliste eine notwendige Ergänzung dar, um die technische Hoheit über die eigenen Werbeplatzierungen zurückzugewinnen.

 

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