In der Filmbranche hat Tillys ‘Launch’ wie zu erwarten eine Welle der Empörung ausgelöst: Führende Schauspielerinnen und Schauspieler, darunter Whoopi Goldberg, Toni Colette und Emily Blunt, sowie die einflussreiche Gewerkschaft SAG-AFTRA haben eine klare Front gebildet und angekündigt, Agenturen, Studios und Regisseure, die KI-generierte Avatare besetzen wollen, auf eine schwarze Liste zu setzen.
Wichtig zu erwähnen: Tilly Norwoods Persona, gelauncht von Xicoia, einem sogenannten KI-Talentstudio, ist nicht als Hauptfigur in KI-generierten Filmen eingeplant, sondern soll als Figur in echten Filmen mit echten Menschen eingebaut werden. Warum es eine furchtbare Idee ist, jetzt auch noch Schauspieler:innen zu ersetzen, liegt irgendwie auf der Hand. Davon abgesehen, dass das Ende der Schauspielkunst zugunsten eines billigen amalgamierten Abklatsches von echter Emotion und der Reduktion von Kunst auf Bits und Bytes eine Tragödie in sich wäre, ist die Einführung von KI-Avataren im Film auch wirtschaftlich eine schlechte Idee. Denn wer bei Hollywood mitspielen will, muss liefern, und das verursacht auch für eine digitale Persona Kosten. So kommt Tilly im Gegensatz zu einer CGI-Figur, die immerhin noch ein manipulierbares 3D-Modell ist, im 2D-Format. Das allein macht jede nachträgliche Bearbeitung in der Postproduktion extrem aufwändig.
Wie es aktuell aussieht, gibt es auch so gut wie kein echtes Interesse daran, Filme mit KI-generierten Figuren zu sehen. Was die Schöpfer:innen von Norwood bei Particle6, der Produktionsfirma hinter Xicoia, nicht zu verstehen scheinen, sind die Gründe, warum Menschen überhaupt Filme schauen. Was uns an der Story, am Drehbuch und der Performance der Schauspieler:innen bewegt. Und das ist leider nicht auf das reine Endprodukt zu beschränken. Oft ist der Weg das Ziel, aber wer will sowas in Zeiten, in denen maximale Effizienzmaximierung zum neuen goldenen Kalb avanciert ist, schon hören?
Um den Charakter zu bewerben, hat die Particle6 jedenfalls einen vollständig KI-generierten Spot rausgebracht, der wohl zeigen soll, wie witzig und ironisch KI sein kann. Dass es dabei manchmal fast zu ehrlich wird, bleibt nicht unbemerkt.
She’ll do anything I say. I’m already in love.
Disruptiv ist das ganze auf jeden Fall, und Schlagzeilen hat Tilly auch gemacht. Vielleicht ist sie auch nur der Publicity-Stunt, um den Namen Particle6 in aller Munde zu bringen. Das laut eigener Aussage “weltweit führende KI-Produktionsstudio” bietet Serviceleistungen aller Art: VFX, Werbesendungen oder “atemberaubende, fotorealistische Naturmontagen”, für die man kein Reisebudget braucht. Jedenfalls spricht man gerade auf der ganzen Welt über Tilly – und über Particle6. Ein voller Erfolg.
Auch wenn wir also in nächster Zeit keine Angst haben brauchen, zwischen den menschlichen Schauspieler:innen auf dem Bildschirm plötzlich digitale Personas zu entdecken, müssen wir uns trotzdem auf immense Umbrüche in der Kreativbranche einstellen. Wer will noch einen teuren Werbespot im Studio drehen, für den man Fachpersonal braucht und Schauspieler:innen casten und bezahlen muss, wenn man die gewünschten Aufnahmen easy bei einer KI-Produktionsfirma bestellen kann? Wer weiß schon, wie viel KI-generierte Werbung schon jetzt in unseren Timelines landet, ohne dass wir es merken?
Vor einer Weile haben wir auch schon auf das Thema KI-Influencerinnen aufmerksam gemacht, und wie Aitana Lopez basiert auch Tilly Norwoods Persona auf der Arbeit echter Menschen, die für die Nutzung ihrer Daten niemals ihr Einverständnis gegeben haben. Allein die zu erwartenden Urheberrechtsklagen stellen ein wirtschaftliches Risiko für KI-Firmen dar und können die Nutzungsfelder für solche begrenzen. Aber denken wir diese Entwicklung mal weiter: die Qualität des KI-generierten Materials hängt von der Qualität der Trainingsdaten ab. Und wenn das Internet mit immer mehr KI-generiertem Content überschwemmt wird, fließt dies auch wiederum in die Modelle ein. Und wenn digitale Personas echte Künstlerinnen und Künstler aus dem Markt drängen, sinkt auch die Menge echten, menschengemachten und vielfältigen Contents.
Worauf müssen wir uns also einstellen? Wissen wir irgendwann gar nicht mehr, was wirklich echt ist? Gewöhnen wir uns an eine neue allgegenwärtige Künstlichkeit, die auf die Performance von echten Menschen zurückwirkt? Oder kommt ein “KI-frei”-Siegel, für die Fans echter Kunst und Unterhaltung, ähnlich dem Bio-Siegel im Supermarkt, für das man gerne mehr bezahlt? Ob der Markt bald entlang dieser Kante auseinanderbricht und menschengemachte Filme plötzlich die teure, handgemachte Alternative zur erschwinglichen Massenware werden, wird sich zeigen.



