“Sauercrowd” ist ein World of Warcraft Hardcore Event, organisiert von den Streamern Papalatte, Metashi12 und HandOfBlood und über 100 anderen Creatoren und unzähligen Normalos.

Aber Moment: Was war nochmal World of Warcraft? Was soll Hardcore sein, warum haben Videos dazu auf YouTube & Twitch so viele Klicks jenseits der 100.000 mit eigener Kategorie und WARUM berichtet sogar die Bild-Zeitung und die Tagesschau drüber?

Alle Infos zum WoW-HARDCORE-Projekt | Sauercrowd

World of Waswardasnoch?

Erstmal: World of Warcraft, vielleicht sogar besser bekannt als WoW, ist ein Online-Rollenspiel, genauer gesagt ein MMORPG – Massive Multiplayer Online Role Play Game ist 2005 in Europa erschienen, spielt in der fiktiven Welt Azeroth und hat seitdem ordentlich Hype. Mitte der Nullerjahre aber besonders. Momentan spielen etwa 7-9 Millionen Gamer:innen aktiv, zu Hochzeiten waren es sogar bis zu 12 Millionen. Gesellschaftlich war das Game berühmt berüchtigt. Es mache süchtig und verblöde unsere Kinder… Besonders gern verbreitete Ängste; gleichermaßen kultig wie alarmistisch von Dokus wie dieser unters Volk gebracht:

[Doku] Spielen spielen spielen: Wenn der Computer süchtig macht [HD]

Nach über 20 Jahren hat sich bei dem Spiel einiges getan: Es ist einsteigerfreundlicher geworden und dem heutigen Gaming-Zeitgeist angepasst. Das heißt, alles ist voller Questmarker, Hinweise, Tutorials, Erklärungen uswusf.

Das war in der Ursprungsversion, genannt Vanilla oder Classic, anders. Hier mussten Spieler:innen noch deutlich mehr Eigeninitiative zeigen, WoW war komplexer, ja, mystischer. Viele, die damals gezockt haben, sind deshalb auf der Suche nach dem Ursprünglichen, dem Besonderen, dem Einzigartigen der frühen Tage.

Aus diesem Grund hat das Entwicklerstudio Blizzard den Classic-Modus eingeführt, in dem die Vanilla-Version wieder gezockt werden kann. Klasse! Denn Fans der ersten Stunde waren begeistert und das Game erlebte einen zweiten Frühling.

Millennial Nostalgia hittet hart…

Hauptklientel dabei: Millennials. Damals noch vorm 20 Kilo Monitor gesessen, mit Glück mit DSL-Leitung. Heute zwei Jahrzehnte später neben Vierzigstundenwoche, paralleler Babybespaßung und nie endendem Wohnungsputzen machen sie die gleichen Quests, mit dem gleichen nervigen Interface und anderen Quality-of-Life-Unanehmlichkeiten. Oder sie schauen anderen sehr begeistert dabei zu.

Endlich! Meine WoW Hardcore Lan startet | Sauercrowd Tag 1

Darüber hinaus spielen sie bei Sauercrowd den Hardcore-Modus. Das bedeutet: Wer einmal stirbt, muss mit einem neuen Charakter von vorne anfangen. Ultra nervig also, denn die Classic-Version ist auch eine ganze Ecke schwerer als die aktuelle.

 

Da stellt sich die Frage: Warum sollten sich Menschen, die momentan vermutlich eh genug Sorgen im Leben haben, so etwas antun? Und woher kommt die Emotionalität? Viele Streamer haben sogar die ein oder andere Träne nach ihrem Ableben verdrücken müssen und die Zusehenden tat es ihnen gleich (via Emoji).

So richtig geil wurde das Internet ja bekanntlich vor rund 30 Jahren. Hat also Millionen von Millennials komplett sozialisiert. Und nun sind die meisten davon in einem Alter, in dem man nicht nur sich anbahnende Rückenschmerzen, sondern auch Nostalgie verspürt – Mist!

Was also für die Gen X, die Videothek oder MTV ist, ist für uns möglicherweise Azeroth, Tumblr oder MySpace.

Niemand hat es so schwer wie wir!

Nur ist es so, dass es bisher keine Generation gab, die in so einem vergleichsweise jungen Alter so der Nostalgie zugeneigt ist. Das liegt vor allem daran, dass die Kindheit und Jugend vieler politisch und gesellschaftlich wesentlich erträglicher als die Gegenwart war – und das nicht nur gefühlt! Dass die Millennial Nostalgia in den letzten paar Jahren besonders hittet, ist also leicht nachvollziehbar.

Studien zufolge bauen über 70% der Millennials durch den Konsum von Medien aus ihrer Kindheit Stress ab. Soviel wie keine andere Generation – Harry Potter, Drei Fragezeichen oder das Remake irgend einer Pokemon-Edition, you name it.

Im Gaming gibt es eigentlich schon einen Retro-Trend, seit es Gaming gibt. Die letzten Jahre sind aber immens geprägt von Remakes und Remasters von Klassikern aus den späten 90ern und frühen 00ern – Zeiten, in denen Spiele deutlich unzugänglicher und ein nischigeres Interesse waren.

Retromania

Ein Game wirklich richtig spielen zu können, erforderte mehr Commitment, mehr Disziplin und Ehrgeiz. Aufgrund der fortschreitenden Kommerzialisierung und der Industrie hat sich das heute bis auf wenige Ausnahmen erledigt. Möglichst schnell sollen Kund:innen vom Spiel überzeugt werden, weshalb es möglichst niedrigschwellig gestaltet wird, wenig Raum für Frustration lässt und schnell Dopamin ausschüttet. Ist aus Sicht der Entwickler:innen aber auch nachvollziehbar, denn irgendwie muss man sich ja bei der Masse an Neuerscheinungen durchsetzen.

Versucht man diesen Gedanken von der speziellen auf die allgemeine Ebene der Internet- und Computerkultur zu hieven, dann stellt man rasch fest: Jene Kategorien scheinen auf den Cyberspace der früheren Tage problemlos übertragbar zu sein.

Die heutigen digitalen Räume sind glattgebügelt, hochglanzpoliert, durch und durch bis zum bitteren Ende kommerzialisiert und verstörend auf algorithmische Effizienz getrimmt. Für die meisten besteht das Internet mittlerweile aus Facebook, TikTok und Instagram.

Früher gab es hingegen krass überladene Layouts bei MySpace, komplett wilde Foren, Animation glitchten charmant vor sich hin… Irgendwie rebellischer. Auch weil man sich mehr mit dem Medium beschäftigen musste, um es überhaupt unterhaltsam und produktiv nutzen zu können. Das frühere Internet war grittier, weniger immersiv und machte das Technische selbst zum Inhalt – “Das Medium ist die Botschaft,” wie der kanadische Medienwissenschaftler Marshall McLuhan schon 1964 erkannte. Es geht also bei WoW-Classic nicht nur um Azeroth, Orcs und Nachtelfen, sondern eben auch um die technisch-strukturellen Aspekte der Software selbst.

Dadurch haben viele Millennials eine höhere Medienkompetenz als vorherige, aber auch folgende Generationen.

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Wir erinnern uns: Für die sexy MySpace-Seite hat man sich autodidaktisch schon ein paar HTML-Skills draufschaffen müssen. Denn (Internet-)Surfen will gelernt sein – die ersten paar Male klatscht man nun mal vom Brett. Übrigens klingt Surfen tausendmal geiler als Doomscrollen!

WoW Classic – Klassentreffen in Azeroth

Die (Millennial) Digital Nostalgia, wie die Kulturwissenschaft sagt, geht parallel zu den oben genannten Feststellungen zusätzlich auch mit der Hyper-Fragmentierung des Internets Hand in Hand. Denn irgendwie fühlt sich’s im World Wide Web oft einsam an, trotz (oder wahrscheinlich wegen) Social Media.

Was früher mal wirklich soziale Interaktion fördern konnte, ist heute eigentlich nur noch eine eng geschnürte Echokammer, in der die meisten alleine vor sich hin schreien oder nach dreistündigem Reel- und Shortkonsum Raum und Zeit vergessen. Echte, produktive Interaktion ist da eher eine Seltenheit.

WoW hingegen bietet eine „Old School“-Sozialisierung. Man muss miteinander reden, um eine Gruppe für die nächste Quest zu finden, sich Tipps zu holen oder einfach zu quatschen. Der Classic-Modus nimmt die Spielenden ja kaum an die Hand, weshalb man sich in Foren oder in Live-Streams austauschen muss, sich Excel-Tabellen für die besten Builds anlegt, deren Meta-Funktionsweisen man zusammen erforscht.

War früher also alles besser? Naja, irgendwie schon. Zumindest wenn wir vom Internet sprechen. Und wenn man mich fragt: Vielleicht sollte man das ganze Ding mal abstellen und von vorne anfangen. So wie im Hardcore Modus bei World of Warcraft.

Das Event läuft noch bis Ende Februar.

 

–Julian Münsterjohann

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